Geschrieben von Stephan Hildebrand

Lesedauer: ca. 8 Minuten

Illustrationen von Erik van Schoor

#8 Die Begegnung

Besonders gut haben Chipo und Zuri heute nicht geschlafen. Immer wieder kamen Tiere zum Fluss, um zu trinken und zu baden. Die Löwen haben einen Angriff auf ein Büffel Jungtier gestartet, worauf die Büffel ganz wild wurden. Der Angriff scheiterte und dutzende Hyänen konnten sich ihr Lachen nicht verkneifen. Und jetzt ruft auch noch eine Elefantenmutter nach ihrem Jungen, den sie aus den Augen verloren hat.

Chipo: Oh man. Hier ist was los. Bist du auch schon munter Zuri?
Zuri: Hua!“. Joa.
Chipo: Dann lass uns los. Ich will in den Westen meines Reviers nach dem Rechten sehen. Um Lobamba kümmern wir uns das nächste Mal.
Zuri: Du meinst, du willst mit ihm sprechen, oder?
Chipo: Jaaa.

Die beiden marschieren den Fluss entlang bis sie zu einer Hügelkette gelangen. Diese Hügel begrenzen Chipos Revier im Westen.

Zuri: Sag mal Chipo. Was liegt eigentlich hinter diesem Hügel?
Chipo: Puh. Das weiß es nicht.
Zuri: Bist du denn gar nicht neugierig und willst es herausfinden?
Chipo: Eigentlich nicht, das ist sicher ein schweißtreibender Weg da hoch. Aber du kannst gern mal nachsehen und mir alles erzählen. Ich marschiere derweil weiter in die Richtung.

Und so steigt Zuri auf und fliegt zur Hügelspitze. Es sind nicht mal 30 Minuten vergangen, schon ist Chipo langweilig und er denkt ernsthaft darüber nach wieder Steine umzudrehen. Zusammen mit seiner Freundin macht ihm das Marschieren deutlich mehr Spaß. Es kommt Chipo so vor als würde die Zeit allein viel langsamer vergehen und dass er viel länger braucht, um das Ende der Hügelkette zu erreichen. Es vergehen mehrere Stunden bis Zuri zurück ist. Sie landet gekonnt auf Chipos Schulter.

Chipo: Da bist du ja wieder. Schieß los. Was hast du hinter dem Hügel entdeckt?
Zuri: Also hinter dem Hügel ist noch ein Hügel und hinter dem dann noch ein Hügel. Dahinter ist es dann flach und man sieht Lichter am Boden.
Chipo: Lichter?
Zuri: Ja viele Lichter, wie Sterne nur halt am Boden. Manche Lichter bewegen sich langsam. Manche stehen still. Manche sind gelb, andere rot. Es gibt auch blaue, die blinken.
Chipo: Oh. Was soll das sein? Noch nie davon gehört.

Die beiden gehen gemeinsam weiter haben die wildesten Ideen, was diese Lichter wohl bedeuten könnten.

Zuri fliegt immer wieder in die Höhe und hält Ausschau. Gerade scheint sie etwas entdeckt zu haben. Sie landet auf Chipos Kopf und flüstert ihm ins Ohr.

Zuri: Da ist jemand. Bleib ruhig ja. Versprich mir das! Okay?
Chipo: Was soll der Quark?
Zuri: Du sollst es versprechen!
Chipo: Ja gut. Versprochen!
Zuri: Ein Rhino. Auf drei Uhr.
Chipo: Ein Rhino? Hier? Lobamba?
Zuri: Du hast es versprochen. Bleib ruhig und sprich mit ihm.

Chipo macht sich klein und schleicht leise weiter. Es ist tatsächlich ein Nashorn in seinem Revier. Es wühlt im Sand, sodass es kräftig staubt und man nur Umrisse erkennen kann. Chipo und Zuri sind jetzt ganz nah dran.

Chipo: Erwischt du Halunke! Das ist mein Revier. Mach das du hinter den Fluss kommst!

Das Nashorn sich dreht rasch und hebt den Kopf mit einer Eleganz aus dem Staub, die Chipo sichtlich beeindruckt. Ihre Blicke treffen sich. Chipo bleibt mit offenem Maul stehen. Das andere Nashorn hat ganz zarte Gesichtszüge und abgeschnittene Hörner. Es sieht sehr gepflegt aus. Als es Näher kommt, kann Chipo einen süßen Duft wahrnehmen. Der Staub legt sich und Glühwürmchen schwirren herum.

Zola: Ich will keinen Ärger. Man hat mich hier ausgesetzt.

Chipo steht noch immer mit offenem Maul da.

Zola: Mein Name ist Zola. Bist du immer so unfreundlich zu deinen Artgenossen?

Chipo steht noch immer mit offenem Maul da. Zuri fliegt in Zolas Nähe.

Zuri: Hallo Zola. Mein Name ist Zuri und ich bin ein Madenhacker. Dieser Rüpel hier ist Chipo. Wir sind beste Freunde.
Zola: Schön euch kennenzulernen.

Zuri fliegt zurück auf Chipo und zwickt ihn mit dem Schnabel. Endlich schließt Chipo sein Maul und nach mehrfachem Blinzeln scheint er sich wieder gefangen zu haben. Seine Augen funkeln ganz einzigartig. Er beugt die Vorderbeine und senkt seinen Kopf.

Chipo: Chipo. Sehr erfreut.

Es tut mir leid, ich habe dich verwechselt. Wo kommst du her und was bedeutet du wurdest ausgesetzt?

Zola: Ich komme aus dem Reservat. Es liegt bestimmt zwei Nachtmärsche von hier entfernt.
Chipo: Was ist ein Reservat?
Zola: Das ist ein Schutzort für Nashörner und andere Tiere. Dort sind Affen die auf zwei Beinen gehen und sich selbst Menschen nennen. Sie haben mich seit meiner Geburt gepflegt und mit reichlich Essen und Wasser versorgt.
Chipo: Klingt ja prima. Warum bist du von da weggegangen?
Zola: Das war wirklich prima, die Menschen haben sich gut um mich gekümmert. Doch vor zwei Tagen war ich nach dem Frühstück sehr müde und bin eingeschlafen. Als ich wieder aufgewachte, war ich allein und außerhalb des Reservat. Die Hörner haben sie mir auch abgeschnitten. Warum tut man sowas!

Chipo wurde einiges klar. Er hat Zola gleich die Geschichte von seiner Oma erzählt und dann war für Zola auch alles klar. Die drei verstehen sich gut und unterhalten sich. Chipo berichtet Zola stolz von seinem großen Revier und seinem Badesee. Zuri hat die Geschichte von Chipos Schlangenbiss erzählt. Da musste Zola schmunzeln. Auf die Idee Steine umzudrehen ist sie noch nicht gekommen. Die drei beschließen zusammen zu bleiben und legen sich gemeinsam unter einen Baum. Zola ist die erste die eingeschlafen ist. Chipo schaut immer wieder unauffällig zu Zola rüber und strahlt dabei über beide Backen. Aber auch seine Augen werden immer kleiner und schließen sich.
Nur ein leises Gähnen ist zu hören. Dann ist es still.

Ende