Geschrieben von Stephan Hildebrand

Lesedauer: ca. 8 Minuten

Illustrationen von Erik van Schoor

#5 Oma`s Geschichte

Zuri ist als erste munter. Sie möchte unbedingt wissen, was mit Omas Horn passiert ist. Sie zwitschert ganz leise eine Melodie und versucht die beiden Schlafmützen sanft zu wecken. Leises Zwitschern reicht bei Chipo und Oma aber nicht. Also zwitschert Zuri immer lauter. Chipo öffnet langsam die Augen und gähnt. „Hua!

Chipo: Noch nicht Zuri. Erst wenn die Sonne halb hinter dem Horizont verschwunden ist.

Kaum hat Chipo seinen Satz beendet, da sind seine Augen auch schon wieder zu und er schläft tief und fest. Zuri muss sich noch etwas gedulden und so kuschelt sie sich erneut an ihren besten Freund. Die drei schlafen noch bis die Sonne untergegangen ist. Wieder ist Zuri als erste munter.

Zuri: Seht nur wie der Mond strahlt. Es ist Zeit für Omas Geschichte.

Chipo und seine Oma werden langsam wach. Sie strecken ihre Glieder weit von sich und richten sich auf.

Chipo: Wow Oma, dein Trick mit den Beeren hat funktioniert. Es tut gar nicht mehr weh.
Oma: Aber natürlich Chipo. Auf deine Oma kannst du dich verlassen.
Zuri: Oma, bitte erzähle uns jetzt deine Geschichte. Bitte.
Oma: Geduld Zuri. Lass uns doch erstmal etwas essen.

Chipo und seine Oma gehen ein paar Sträucher und Bäume in der Nähe ab. Sie essen kleine Zweige, Blätter und Früchte. Zuri hat auf Chipos Rücken noch Zecken entdeckt. Viele sind aber nicht mehr da. Zu Zuris Glück kommen hin und wieder neue dazu. Nun sind alle gestärkt und Omas
Geschichte kann beginnen.

Oma: Du musst wissen Zuri, vor etwa 20 Jahren habe ich noch etliche Nachtmärsche von hier entfernt gelebt. Damals war es sehr gefährlich in der Savanne. Es kamen Gruppen von Zweibeiner in unsere Reviere, die haben sich selbst Menschen genannt und  uns Nashörner gejagt. Viele meiner Verwandten und Freunde habe ich verloren. Und das alles nur wegen unserem Horn, das sie abgeschnitten und mitgenommen haben.

Zuri ist entsetzt und findet das ganze schrecklich. Sie fragt, wie diese Menschen aussehen und wie Oma damals davongekommen ist.

Oma: Die Menschen haben Ähnlichkeit mit Affen. Sie gehen aufrecht und bedecken ihren Körper mit Stoffen. Ungefähr so.

Oma nimmt einen kleinen Zweig ins Maul und malt den Vorfall in den Sand.

 

Zuri: Ich hoffe wir begegnen diesen Monstern nie!
Oma: Das hoffe ich auch Zuri. Aber nicht jeder Mensch ist ein Monster. Es gibt auch gute Menschen. Ein paar Stunden nachdem die Menschen mit meinem Horn verschwunden waren und mich verletzt zurückgelassen haben, passierte ein Wunder. Es kamen wieder Menschen. Andere Menschen. Sie haben mich gerettet und mich mit viel Mühe über eine lange Zeit wieder aufgepäppelt. Ich sehe diese Menschen alle paar Jahre wieder. Ich erschrecke mich jedes Mal. Sie kommen, um mein Horn zu kürzen und haben immer ein paar leckere Früchte dabei. Ich verstehe bis heute nicht wie sie es schaffen mich zu finden.
Zuri: Das ist eine wirklich traurige Geschichte Oma. Aber ich bin froh, dass es dir wieder gut geht!

Chipo hat Omas Geschichte schon oft gehört. Er könnte sie mittlerweile schon selbst erzählen. Doch Chipo war die ganze Zeit still geblieben und hat sich fast nicht gerührt. Erst jetzt geht er auf seine Oma zu und drück sie ganz fest. Nach dieser Geschichte müssen alle erstmal  durchschnaufen.

Viel gemeinsame Zeit bleibt den dreien nicht mehr, denn Oma hat beschlossen sich gleich auf den Rückweg zu machen. Sie spazieren noch etwas im Wald und unterhalten sich. Zuri schwärmt von den Maden und Zecken auf Chipos Rücken und natürlich von ihrem besten Freund. Und Chipo erzählt von seinem Badesee und wie er Zuri am Grenzbaum getroffen hat. Oma findet es klasse, das die beiden Freunde sind. Sie verabschiedet sich herzlich und marschiert davon.

Chipo und Zuri spielen noch Verstecken im Wald bis sie müde werden und sich entschließen unter einem Baum schlafen zu legen. Ein Gähnen tönt durch den Wald. „Hua!“ Dann ist es still.

Ende